Neue Regensburger Hütte/Stubaier Alpen 12.-14.7.2002

Im Rahmen einer Veranstaltung der DAV-Sektion Regensburg zum Jahr der Berge 2002 hat Helmut Hornik folgenden Bericht verfasst und mir freundlicherweise hier zur Verfügung gestellt.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei Dorothee Friedrichs und Gisela Zundel für Ihre Hilfe bedanken.

Bericht über die botanische Exkursion (Hohes Moos, Kreuzspitze), 13.7.2002

Veranstaltung der DAV-Sektion Regensburg

zum Jahr der Berge 2002

 

Neue Regensburger Hütte/Stubaier Alpen 12.-14.7.2002


Bei recht zweifelhaftem Wetter starten wir, 12 Personen, zu unserer Exkursion und gehen zuerst in das unmittelbar südlich der Hütte gelegene Hohe Moos.

 

Die Neue Regensburger Hütte (2286m) liegt auf einem, den ganzen Talboden durchziehenden, aus hartem Gestein bestehenden Felsriegel (ähnliche Landschaftsformen findet man z.B. auch bei der Dresdner Hütte oder Sulzenau-Hütte). Er ist in seiner derzeitigen Form durch die früher hier hauptsächlich von der Nordflanke der Ruderhofspitze, von einigen kleineren Seitengletschern verstärkten, abfließenden Gletscher entstanden. Hinter diesem Felsriegel hat der Gletscher ein weitläufiges Becken ausgeschürft, das sich nach dem noch immer anhaltenden Rückgang des Gletschers mit Wasser füllte. Die in diesen See einmündenden Gletscherbäche füllten ihn allmählich mit Sedimenten zu. Heute ist dieses Gletscherbecken - das Hohe Moos, nahezu vollständig verlandet. Der Bach durchzieht die fast ebene Fläche in weiten Schleifen, umrandet von sumpfigen Wiesenflächen. Durch das reichlich vorhandene Wasser ist der Boden generell versauert, so dass sich hier eine auf diese Bodenverhältnisse spezialisierte Flora angesiedelt hat. Wie auf moorigen, dazu noch hochgelegenen Böden üblich, ist diese Flora nicht gerade artenreich, nur relativ wenige Pflanzenarten können hier überhaupt überleben.

 

Unmittelbar neben, teilweise auch im Moos, finden wir zahlreiche rundhöckrige Gletscherschliffe. Die Felshöcker wiederum stellen Trockenbiotope dar, da dort das Regenwasser sehr schnell abläuft und sich dadurch eine trockenheitsresistente Flora angesiedelt hat. Die Felshöcker sind oft stark dem Wind ausgesetzt, der Winterschnee wird durch den Wind wegverfrachtet, wodurch sich dort eine den arktischen Tundren ähnliche Flora angesiedelt hat. Die Felshöcker enthalten aber auch teilweise abflusslose Vertiefungen unterschiedlichster Größe, in denen sich das Regenwasser sammelt und kleine Moore, teilweise gerade einen Quadratmeter groß, entstanden sind.

 

Sehen wir uns diese Florentypen einmal näher an.

 

Im eigentlichen Bereich des Hohen Mooses finden wir vorherrschend das Scheiden-Wollgras, das mit seinen dekorativen weißen Blüten (genauer genommen sind dies die Fruchtstände) die Flächen weiträumig bedeckt, sowie die dichten Büschel des unscheinbaren Alpen-Wollgrases mit winzigen weißen Köpfchen. Daneben gibt es noch etliche Sauergräser, eigentliche ”Blumen” sehen wir nahezu keine.

 

Die kleinen Moore sind teilweise ebenfalls mit Wollgras durchwachsen, dazu finden wir Zwergsträucher aus der Familie der Heidekrautgewächse, besonders Heidelbeere, Moos- oder Rauschbeere (die schwarzblauen Früchte enthalten in der Tat geringe Mengen von Alkohol), Preiselbeere mit ihren hellrosa Blüten und Besenheide. Dazu kommen die weißlichen, niedrigen strauchartigen Gebilde der Rentierflechte. Als hübsche Blütenpflanze finden wir das Gemeine Fettkraut mit seinen dunkelvioletten Blüten. Moorböden enthalten ausgesprochen wenig Nährstoffe. Die vorher abgestorbenen Pflanzen sind im Moorboden nicht kompostiert und die darin enthaltenen Nährstoffe bleiben den jetzt dort wachsenden Pflanzen unzugänglich. Unser Fettkraut gleicht nun diesen Nährstoffmangel auf besonders ausgefallene Weise aus: wir haben einen Vertreter der fleischfressenden Pflanzen vor uns. Die Pflanze ”frisst nicht Fleisch”, aber sie benutzt tierisches Eiweiß, um den Mangel an Nährstoffen im Boden auszugleichen. Die Blätter der Pflanze sind mit einem klebrigen Film überzogen, an welchem Kleinstinsekten bei Berührung kleben bleiben, sie werden durch bestimmten Sekrete der Pflanze zersetzt und die Eiweißstoffe vom Blatt aufgenommen.

 

Im Gegensatz zu den Moorflächen stellen die zahlreichen Rinnsale, die von knapp über dem Talboden zutage tretenden Quellen gespeist werden, eine andere Art von Feuchtbiotop dar. Der Boden ist durch den ständigen Durchstrom von Frischwasser sehr feucht, aber nicht versauert. Entlang dieser Rinnsale finden wir lange, scharf begrenzte Bänder des Sternblütigen Steinbrech mit seinen weißen, rotgepunkteten Blüten.

 

Auf Flächen, die gerade erst schneefrei geworden und vom Schmelzwasser durchtränkt sind, steht noch das Kleine Alpenglöckchen in voller Blüte. Es unterscheidet sich vom auf Kalkböden vorkommenden Echten Alpenglöckchen durch seine tiefrosa, schmalen Blüten, meist nur eine Blüte an einem Stängel; bei der anderen Art sind die Blüten violett und weit geöffnet sowie zu mehreren an einem Stängel.

 

Zu den erwähnten Zwergsträuchern der Tundrenvegetation der Felshöcker kommt noch ein besonders niederer Zwergstrauch, die Alpenazalee, die nahezu bodengleich wächst. Diese Zwergsträucher sind darauf eingerichtet, den harten Winter zu überdauern, teils behalten sie sogar ihre Blätter, wie die Preiselbeere und die Alpenazalee. Sie bleiben in ihrem Wuchs allesamt sehr niedrig. An der unterschiedlichen Höhe der Sträucher lässt sich sehr schön sehen, welche Flächen dem Wind besonders oder etwas weniger ausgesetzt sind. Durch ihre geringe Wuchshöhe sind diese Pflanzen auch gegen Tierfraß geschützt. Andere Pflanzen wieder sterben im Winter oberirdisch ab, so einige niedrige Gräser oder das mit seinen goldgelb leuchtenden Blüten weithin sichtbare Gold-Fingerkraut, nur so können sie den Winter überdauern.

 

Die den humusarmen, trockenen Felsflächen angepassten Pflanzen müssen mit wenig Wasser ihr Auskommen finden, da das Regenwasser schnell abläuft und durch die geringe Humusschicht kaum Wasser gespeichert wird. Diese Pflanzen haben meist mit einer Wachsschicht überzogene Blätter, die die Verdunstung vermindert. Eine andere Besonderheit dieser hochspezialisierten Pflanzen besteht darin, die Atmung hauptsächlich auf die feuchteren Nachtstunden zu beschränken und dadurch den mit der Atmung verbundenen Wasserverlust zu mindern. An Spezialitäten finden wir hier neben verschiedenen Flechten den unscheinbaren Dunklen Mauerpfeffer mit seinen gelben Blütchen. Auffälliger sind die Rosetten der Berg-Hauswurz mit ihren sattrosa Blüten. Ich will bei dieser interessanten Pflanze ein wenig abschweifen: Der lateinische Name der Hauswurz, Sempervivum - immerlebend, deutet schon auf ihre Fähigkeit hin, auf ungewöhnlichen Standorten zu überleben. Der deutsche Name Hauswurz, auch Dachwurz (eine andere Art heißt auch Sempervivum tectorum, also Dach-Hauswurz), wiederum leitet sich von der Eigenart dieser Pflanze ab, auch auf Hausdächern zu wachsen, zumindest finden wir sie mitunter auf alten Schiefer- oder Strohdächern, seltener auf Ziegeldächern.

 

Wir steigen nun aus dem Talboden in westlicher Richtung die steilen Grashänge hinauf gegen die Kreuzspitze. Diese Hänge waren ursprünglich mit Moränenschutt oder durch von oben herabrutschendes Geröll bedeckt, mittlerweile sind sie meist mit schütterem Graswuchs bedeckt, größere Felsstücke liegen noch frei. Die Flora hier ist nicht sehr artenreich. Wir finden einige Arten von Habichtskraut, die blaue Grasblättrige Teufelskralle, die tiefgelbe Berg-Nelkenwurz und die in Blüte stehenden Sträucher der Rostblättrigen Alpenrose. Als einzige Orchideenart finden wir die unscheinbare Grüne Hohlzunge.

 

Schließlich gelangen wir an den oberen Moränenrand, das Gelände wird vorübergehend flacher. Hier ist das Feinmaterial der Moräne nicht so stark ausgeschwemmt, der Boden dadurch humusreicher, der Graswuchs entsprechend dicht. Die Schafe halten sich gern auf dieser Weidefläche auf. Bald darauf kommen wir an die Moränen des nahezu völlig abgeschmolzenen Jedlas-Ferners. Nun, etwa 2600 m hoch, wird der Graswuchs zunehmend dürftiger, das Gelände ist von Felstrümmern und Schutthalden bedeckt. Wir finden einige hochspezialisierte Arten wie das leuchtend violett blühende Alpenleinkraut oder das Langstielige Hornkraut mit seinen weißen Blüten. Diese Pflanzen gehören zu den wenigen Arten, die im noch nicht verfestigten Schutt überleben können. Sie haben lange, elastische Wurzeln, um das nur im Untergrund vorhandene Wasser zu erreichen und bei Bewegungen der Schuttfläche nicht gleich zu reißen. Wird die Pflanze von nachrutschendem Schutt doch einmal überdeckt, wächst sie gleich wieder zwischen den Steinen aufs neue an die Oberfläche. Im schon verfestigten Schutt schließlich blüht weiß und rötlich der Gletscher-Hahnenfuß, eine der am höchsten steigenden Alpenpflanzen überhaupt.

 

Wir steigen nun auf dem teilweise versicherten Steig die steilen felsdurchsetzten Hänge gegen den Gipfelaufbau der Kreuzspitze hinan. In den Felsen zeigen sich der in zartem Elfenbeinweiß blühende Moos-Steinbrech und der gelbliche Gefurchte Steinbrech, die weithin leuchtenden, rosa blühenden Polster des Stengellosen Leimkrauts und schließlich, als besondere Spezialität, der ausschließlich in großen Höhen vorkommende weißlich-rosa blühende Gletscher-Mannsschild. All diese genannten Pflanzen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dichte, feste Polster bilden. Diese Polster bewirken einen geringeren Wasserverlust, Schutz gegen Wind und Kälte (bei Sonneneinstrahlung kann die Temperatur in unmittelbarer Bodennähe um etliche Grad höher sein als in 10 cm Höhe über dem Boden) und schließlich Schutz gegen Tierfraß.

 

Aber auch einige nicht polsterbilde Arten wachsen noch in nun etwa 3000 m Höhe. Wir sehen noch einige wenige Blüten - die Hauptblüte ist unmittelbar nach der Schneeschmelze - der dunkelrosa blühenden Zwergprimel (in manchen Gegenden Österreichs mit dem hübschen Namen Habmichlieb bezeichnet) und an feuchten Felsen die tiefviolette Klebrige Primel. Diese Art wird im Volksmund auch Ross-, Frauen- oder Blauer Speik genannt - aus den Wurzeln wurde früher ein seifenähnlicher, duftender Stoff gewonnen. In manchen Gebieten finden wir die Ortsbezeichnung Speikboden, dort wächst diese Pflanze meist in großen Mengen. Allerdings ist die Bezeichnung Speik nicht eindeutig, der Echte Speik zum Beispiel ist eine Baldrian-Art. Als dritte Primelart findet sich noch die Behaarte Primel, doch ist sie bereits vollständig verblüht.

 

Wir sind nun mit acht Teilnehmern auf dem Gipfel der Kreuzspitze, 3084 m, angekommen, einige turnen noch schnell über den kurzen, schmalen Grat zur Hinteren Knotenspitze, 3100 m, hinüber. Die Sicht ist durch heranziehende, dichte Wolken auf die nächste Umgebung beschränkt, einsetzender Graupelschauer lässt uns die Gipfelrast bald beenden. In raschen Tempo steigen wir ab, über die Felsflanke des Gipfelmassivs, über Moränen und Wiesenhänge zur Hütte, gerade noch rechtzeitig vor dem nun heftig einsetzenden Regen.

 
     
Neue Regensburger Hütte A-6167 Neustift im Stubaital Telefon: +43 664 4065688 office@regensburgerhuette.at